Danke Philipp

Als ich sah, wie mit Mehmet Scholl (2007) und Oliver Kahn (2008) die beiden Helden meiner Kindheit mit Blumensträußen in den Ruhestand geschickt wurden, stand mir jeweils ein wenig das Wasser in den Augen. Die beiden Legenden des FC Bayern, mit denen ich aufwachsen durfte. Die schon auf dem Rasen standen, als ich 1996 zum ersten mal mit meinem Papa ins Olympiastadion gegangen bin. Ich war mir sicher: Es wird nie wieder so einen wie Oliver Kahn geben. Und es wird nie wieder einen so wie Mehmet Scholl geben.

10 Jahre später bekommt nun morgen Philipp Lahm einen Blumenstrauß zum Abschied. Philipp Lahm ist kein Mehmet Scholl und Philipp Lahm ist kein Oliver Kahn. Philipp Lahm ist der Kapitän der wohl besten Mannschaft in der Geschichte des FC Bayern. Ich habe Philipp Lahms Karriere durch halb Europa begleitet. In Rom. In Athen. In Madrid und Barcelona. Und natürlich in London. Philipp Lahm hat den Pokal als erster Bayernspieler in den Himmel gestreckt, für den wir so lange gelitten und gekämpft haben. Ich bin kein Teil von Philipp Lahms Leben. Aber er ist ein Teil meines Lebens, ein Teil der schönsten Zeit meines Lebens. Genauso wie Basti Schweinsteiger. Als er uns vor zwei Jahren von heute auf morgen verlassen hat, hatten wir nie die Chance, „Servus“ zu sagen. Wir hatten nie die Chance, ihm ein letztes mal zu zeigen, welche Bedeutung er für uns hat. Ich bin froh, dass wir das morgen bei Philipp tun dürfen. Und vielen wieder das Wasser in den Augen stehen wird.

Entgegen aller Erwartungen haben Mehmet Scholl und Oliver Kahn nie wirklich zurück zum FC Bayern gefunden, auch wenn Scholl zweimal kurz Amateuretrainer war. Mir schmerzt das Herz bei dem Gedanken, dass noch offen ist, ob das bei Philipp und Basti ähnlich sein könnte. Philipp und Basti sind Legenden des FC Bayern. Untrennbar verbunden mit der erfolgreichsten Zeit der Vereinsgeschichte. Wir dürfen weder den einen noch den anderen dauerhaft verlieren, denn der Verein braucht in naher Zukunft frische und loyale Köpfe. Fest steht, dass es nie wieder einen wie Bastian Schweinsteiger geben wird. Und nie wieder einen wie Philipp Lahm. Aber fest steht auch: Es werden neue Spieler in die Lücken wachsen, mit denen man jetzt noch nicht rechnet. Ich freue mich auf die nächste Generation, um in 10-15 Jahren wieder mit Wasser in den Augen die Übergabe von Blumensträußen zu sehen!

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Mein Rasenballfilter

Wenn der FC Bayern morgen im Osten der Republik Fußball spielt, werde ich – wie der Großteil der aktiven Fanszene beim FC Bayern – nicht dabei sein. „Rasenballsport Leipzig“ oder wie auch immer jeder das Konstrukt nennen mag, steht für mich exemplarisch für so viele Aspekte, die im heutigen Fußball verkehrt laufen wie kein anderer Verein.

Ich vermeide es aber, jetzt auf Details einzugehen. Seine Meinung dazu dürfte sich jeder längst gebildet haben. Bereits seit Saisonbeginn habe ich meine Filter in den sozialen Netzwerken so eingerichtet, dass darin nur rasenballfreier Content für mich erscheint. Ich habe in dieser Saison bis auf unser Heimspiel keine einzige Spielszene von Rasenball gesehen. Ich hab keine Einzelspiele geschaut, keine Zusammenfassungen und wenn die Tagesschau mit Rasenballspielberichten endete, habe ich abgeschalten. Ich habe im Podcast Rasenfunk von meinem geschätzen Freund Max jede Spieldiskussion über „RaBa“, wie Max es immer so schön ausdrückt, übersprungen. Ich habe in meinem Leben noch nie einen einzigen Cent in ein Red Bull Getränk investiert und wenn der FC Bayern Basketball ab 2020 in einer Halle spielen wird, die Red Bull gehört, werden die dort stattfindenden Heimspiele für mich tabu sein.

Lange habe ich überlegt, was die richtige Vorgehensweise für das Auswärtsspiel in Leipzig sein wird. Im Endeffekt ist man nahezu chancenlos, mit seinem Protest gegen Rasenballsport Leipzig gehört zu werden. Die Ereignisse in Dortmund (Die natürlich in der Form mit den Ereignissen vor dem Stadion vollkommen übers Ziel hinausgeschossen sind) werden wohl auf ewig bei jedem angemessenen Protest wieder von Rasenballfreunden angeführt werden. Ich gebe mich keiner Illusion hin: Egal, was ich bezüglich des Spiels in Leipzig gemacht hätte, ich kann so oder so nichts ausrichten. Ich kann so oder so nichts tun, was irgendeine Wirkung erzeugen wird. Also bleibt mir nur, meinem Gewissen zu folgen: Nicht hinzufahren und meine eigene Karte ungenutzt verfallen zu lassen. So bleibt mein Platz im Stadion morgen leer. Ich zahle zwar unvermeidlich den Kartenpreis, aber es ist die Lösung, die ich am besten mit meinem eigenen Gewissen vereinbaren kann. Ich erwarte von niemandem, dass er das versteht oder dass es ihm gefällt. Es ist nur meine persönliche Entscheidung, die ich nach reiflicher Überlegung getroffen habe.

Wenn morgen Nachmittag der FC Bayern in Leipzig spielt, sitze ich irgendwo in Bayern und trinke eine Maß Bier. Kein Fernseher, keine Zusammenfassungen nach dem Spiel und keine Spielberichte. Den Spieltagshashtag auf Twitter filtere ich weg. Ganz so, als ob es Rasenballsport nicht geben würde. Dann ist die Welt für mich ein klein wenig besser.

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Rückzug beim C12

Als ich vor einigen Tagen in einem Tweet meinen Rückzug beim C12 andeutete, dürfte das für die meisten Leser dieser Zeilen nicht überraschend gekommen sein. Im Verlauf der letzten Monate habe ich mit vielen, die mit mir zu tun haben, nach und nach meine Gedanken in Ansätzen geteilt. Eine ausführliche Erklärung dafür wird jedoch auch dieser Text schuldig bleiben. Zum einen, weil nicht alle Facetten der Entscheidung logisch in einen Text strukturiert werden können. Zum anderen, weil ein geschriebener Text immer sehr schnell zu unbeabsichtigten Missverständnissen führt, die ich vermeiden möchte.

Diese Entscheidung zum Rückzug ist in mir über sehr viele Monate gereift, eher länger als ein Jahr. Und sie ist auch bereits vor vielen Monaten gefallen, weshalb dieser Blogbeitrag erst in einem Moment erscheint, in dem ich den Rückzug bereits zu großen Teilen vollzogen habe. Im Laufe der letzten Jahre habe ich gemerkt, dass mich die aktuelle Generation der aktiven Fanszenen in Deutschland mehr und mehr befremdet. Vor allem hinsichtlich der Prioritätensetzung und der Art und Weise, wie man Ziele erreichen möchte. Natürlich spielt auch der Klassiker „Art und Weise des Supports“ eine (Neben)rolle. Dabei beziehe ich mich gar nicht speziell auf den Club Nr. 12 und auch nicht speziell auf die Fanszene des FC Bayern. Es sind ganz grundsätzlich allgemeine Tendenzen und Entwicklungen, die man überall in den deutschen Fanszenen findet.

Natürlich kann man jetzt sagen: „Warum bleibst du nicht und stehst für deine Überzeugungen ein?“. Das habe ich getan. Aber man muss einfach erkennen, wenn sich die Welt anders entwickelt. Und das tut sie eben in diesem Bereich entgegen meiner Überzeugungen. Das muss ich dann akzeptieren und meine Konsequenzen daraus ziehen. In diesem Moment wendet man sich dann anderen Themen zu und so dürfte es niemanden überraschen, dass mein Interesse am Nachwuchsfußball, das lange Jahre größtenteils auf die Amateure beschränkt war, zuletzt immer größer wurde.

Ich habe im Sommer vor 10 Jahren mit meinem Engagement beim Club Nr. 12 begonnen. Und in diesen 10 Jahren habe ich unglaublich viele spannende, tolle, verrückte und großartige Menschen kennengelernt. Menschen mit den unterschiedlichsten Lebensweisen, Jobs und Ansichten. Auch wenn ich nicht mit allen immer einer Meinung war, habe ich unglaublichen Respekt davor, was so viele dieser Menschen für unseren Verein leisten und wie viel sie für den FC Bayern opfern. Noch schöner ist, dass ich viele Menschen kennenlernen durfte, die heute zu meinen besten Freunden gehören. Diese Freundschaften sind das größte Geschenk, das ich aus dieser Zeit mitnehmen kann.

Wie geht es für mich nun weiter? Ich werde keine verantwortlichen Aufgaben beim Club Nr. 12 mehr haben. Dennoch werde ich bei einzelnen Dingen, beispielsweise bei Choreografien noch mithelfen, wenn ich dazu Zeit und Lust habe. Wenn mich jemand um meinen Rat oder meine Meinung bittet, werde ich diese gerne äußern. Ich werde in dieser Saison auch weiter mit dem C12-Bus zu den Auswärtsspielen reisen, im kommenden Sommer aber meine Auswärtsdauerkarte vermutlich abgeben. Die dann freigewordene Zeit möchte ich nutzen, um mich dem Nachwuchsfußball noch mehr widmen zu können und gleichzeitig auch für Familie und Freunde wieder mehr Zeit zu haben.

Meine Entscheidungsgründe, die ich hier nur sehr oberflächlich angekratzt habe, werde ich gerne in persönlichen Gesprächen ausführlicher erläutern. Kommt diesbezüglich einfach auf mich zu. Aber bitte nicht so halb zwischen Tür und Angel im Stadion, sondern in ruhigen Momenten, in denen dafür ausführlich Zeit ist.

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Was kostet eine Saison?

Die Saison 2014/15 mit dem FC Bayern München ist zu Ende. Für mich stehen 94 Spielbesuche zu Buche mit den Profis, den Amateuren und der U19. In der letzten Woche hatte ich die Idee, doch mal zusammenzurechnen, was mich diese 94 Spiele gekostet haben.

Das Ergebnis verblüfft mich ein wenig selbst und liegt doch deutlich unter meinen Erwartungen. 2671,90€ sind es unter dem Strich. Davon 1724€ Fahrtkosten sowie 947,90€ Kartenkosten. Das bedarf natürlich einiger Anmerkungen und Gründe:

– Alleine 35 der 94 besuchten Spiele waren Bestandteil der FCB-Dauerkarte. 140€ kosteten so 17 Profiheimspiele, 17 Amateureheimspiele sowie ein A-Jugend-Heimspiel für mich.
– Mit den Youth League Spielen der U19 (Freikarten) und einigen Testspielen der Amateure sind zudem Spiele dabei, die keinen Eintritt gekostet haben.
– Sämtliche Spiele in Münchner Stadtbereich habe ich mit 0€ Anfahrtskosten berechnet. Dies liegt am ÖPNV-Ticket, das ich studiumsbedingt sowieso besitze. Bei rund der Hälfte der Spiele fielen also keine Versandkosten an.
– Die Anfahrtskosten für Auswärtsspiele fallen sehr unterschiedlich aus und stehen nicht immer im richtigen Verhältnis zueinander. Dies liegt ganz einfach an der von mir gewählten Anreisevariante. So waren Spiele in Frankfurt oder Dortmund anreisetechnisch sehr teuer, da wir mit Zwischenstation Schwiegereltern in Mannheim lediglich zu zweit mit dem Auto anreisten. Spiele, zu denen ich hingegen mit dem C12-Bus gefahren bin, sind da deutlich günstiger.
– Aufgrund der Reiseleitung fiel für mich bei den C12-Sonderflügen nicht der volle Preis an.

Am Ende dürften es natürlich mehr als diese 2671,90€ gewesen sein, die für mich im Rahmen der Auswärtsfahrten anfielen. Zum einen ist die Verrechnung des Münchner ÖPNV-Tickets schwierig, zum anderen sind Verpflegung, ÖPNV-Tickets vor Ort und weitere Unkosten (z.B. Autoversicherung, Autoabnutzung) nicht mit berechnet worden. Aber es ging mir ganz prinzipiell mal um einen Richtwert.

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Der Mann, der den FC Bayern erfand

BildAm gestrigen Dienstagabend fand im Rahmen des 32. Münchner Filmfests die Weltpremiere des Films „Landauer – Der Präsident“ statt. Bereits seit vielen Jahren bemüht sich die Südkurve um den Club Nr. 12 und der Schickeria darum, die Erinnerungen an unseren ehemaligen jüdischen Präsidenten aufleben zu lassen. Dies führte nicht nur dazu, dass der FC Bayern im vergangenen Jahr Kurt Landauer endlich zum Ehrenpräsidenten ernannte, sondern auch zu diesem Film von Regisseur Hans Steinbichler, der voraussichtlich im September in der ARD ausgestrahlt werden wird.

Wie den meisten Bayernfans bekannt sein dürfte, war Kurt Landauer mehrmals Präsident des FC Bayern. Zum ersten mal im Jahr 1913, wobei diese Präsidentschaft nur ein Jahr lang dauerte und Kurt Landauer anschließend im ersten Weltkrieg an der Kriegsfront vier Jahre im Einsatz war. 1919 wird er erneut Präsident, diesmal zwei Jahre. Die genauen Gründe für das Ende der zweiten Amtszeit sind mir leider nicht bekannt. Im Jahr 1923 wird Kurt Landauer schließlich ein drittes mal zum Präsidenten des FC Bayern gewählt und führt unseren Verein zur deutschen Meisterschaft im Jahre 1932. Bei diesem 2:0 gegen Eintracht Frankfurt beginnt die Erzählung des Films. Der kleine Uri Siegel, Neffe von Kurt Landauer und ebenfalls Gast am gestrigen Abend, verfolgt dabei den historischen Triumph des Vereins seines Onkels am Radio. Mit Champagner stößt die Familie Landauer auf den FC Bayern und das „deutsche Vaterland“ ein, bevor der Film einen Zeitsprung einlegt. Einen Zeitsprung ins Jahr 1947. Weiterlesen

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Der große Traum

Dies ist die Geschichte vom großen Traum eines kleinen Jungen. Lieber Gott, bitte lass sie nicht traurig enden.

Thomas Kilian flippt vollkommen aus, nachdem Oliver Kahn den Elfmeter von Pellegrino gehalten hat. Der heutige Stadionsprecher der Bayern Basketballer war damals für einen Münchner Radiosender in Mailand und live auf Sendung.

 „Wir sind dreimal so unfassbar knapp, so unendlich knapp gescheitert. In Rotterdam 1982 gegen Aston Villa, in Wien gegen den FC Porto und… ich red nicht mehr über diesen Ort und über diese Mannschaft, gegen die wir damals verloren haben“

Es muss ein unfassbares Erlebnis damals für diejenigen gewesen sein, die 1999 in Barcelona dieses Trauma live miterlebt haben. Als wir 2009 beim 0:4 in Barcelona waren, erzählten mir einige von ihren Erinnerungen. Bemerkenswert übereinstimmend sind vor allem die Berichte vom Weg aus dem Stadion. Demnach sind damals die Bewohner der Wohnungen rund um das Stadion auf ihre Balkone rausgekommen und haben den Bayernfans applaudiert. Nicht hönisch, sondern anerkennend. Es gab keinen Zweifel, wer damals am 26. Mai 1999 den klar besseren Fußball gespielt hat. Aber das ist nicht gleichbedeutend damit, dass das auch der erfolgreichere Fußball ist. Eine bitte Erkenntnis, die uns 13 Jahre später erneut brutal vor Augen geführt werden sollte.

Das Finale von 1999 ist auch meine erste bewusste Erinnerung an ein CL-Spiel des FC Bayern. Ich war 11 Jahre alt und sah das Spiel mit meinem Vater im Pfingsturlaub in Hessen. Meiner Erinnerung nach war ich als kleiner Junge danach mehrere Tage lang unausstehlich. Und das, obwohl ich damals noch nicht annähernd so mit dem FC Bayern verbunden bin wie heute. Die zwei folgenden Jahre sind legendär und werden sicher noch in vielen Erzählungen in einigen Jahrzehnten von Großvätern an Enkel Platz finden. An den Titelgewinn 2001 hab ich viel weniger Erinnerungen. Daheim geschaut, danach ins Bett gegangen. Aber auch da war ich erst 13 und es sollten noch 4 Jahre vergehen, bevor ich mein Herz so richtig an den FC Bayern verlieren würde.

Als es dann soweit war, war der FC Bayern von der europäischen Spitze ein gutes Stück entfernt. Ein Viertelfinaleinzug war das höchste der Gefühle, an mehr glaubte niemand ernsthaft. So habe ich als bewusster junger Mensch einen Champions-League-Sieg als nahezu unmöglich schaffbar kennengelernt. Die englischen und italienischen Teams waren für den FC Bayern fast unschlagbar. Und als wir dann gar auch noch nicht einmal den läppischen UEFA-Pokal gewinnen konnten, war es für mich vollkommen undenkbar, dass wir in naher Zukunft wieder ernsthaft ganz vorne in der europäischen Spitze mitspielen würden. Das 0:4 in Barcelona war mein erstes internationales Auswärtsspiel überhaupt und verpasste mir sofort eine Lehrstunde in Sachen hochklassiger Fußball. Nie zuvor (und wie sich herausstellen sollte, auch nie wieder danach) sah ich meine Mannschaft so dermaßen vorgeführt wie an diesem Apriltag. Obwohl wir nur Tage zuvor 1:5 in Wolfsburg verloren, war das nicht vergleichbar. Ein gewisser Pep Guardiola ließ seine Mannschaft damals einen für mich von einem anderen Stern wirkenden Fußball spielen. 73€ kosteten unsere Karten im obersten Rang auf der Gegengerade in Barcelona, das ist dort nochmal deutlich weiter vom Spielfeld weg als bei uns in München im Oberrang. Es war brutal, aus dieser Vogelperspektive zu beobachten, wie Barcelona presste, wie Barcelona sich im Raum bewegte und wie Barcelona unsere Abwehr nach allen Künsten auseinandernahm.

Aber dieses erste europäische Erlebnis hat mich nicht davon abgehalten, nun auch international regelmäßig auswärts zu fahren. Im Jahr darauf ging es nach Bordeaux – und auch in meinem zweiten europäischen Auswärtsspiel gabs eine Schlappe (1:2). Ihr merkt vielleicht schon, auf was das hinausläuft, es waren ungewohnt viele Niederlagen. Unterbrochen aber von diesem sensationellen 4:1 in Turin, das nicht nur die Wende in der damaligen Saison war, sondern auch den Anfang des Wegs des FC Bayern markiert, der bis heute stetig bergauf an die Spitze Europas führt. In Turin wurde vor dem Spiel „I gotta feeling“ von den Black Eyed Pears gespielt. „I gotta feeling, that tonights gonna be a good night“ sollte daraufhin für mich ein Motto werden, das ich bei jedem weiteren Champions-League-Spiel verinnerlichte. Ich hörte das Lied daraufhin vor jedem Spiel aus Aberglauben und wir wollten einfach nicht ausscheiden, obwohl wir bei den beiden 2:3 Niederlagen in Florenz nahe dran waren. Über Lyon führte der Weg nach Madrid… Und tatsächlich, ich vergaß, das Lied anzuhören. Das fiel mir zwar noch vor dem Spiel im Block ein, aber es war bei dem Lautstärkepegel vollkommen unmöglich, aus den Lautsprechern des IPhones das Lied zu hören.

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0:2 hieß es am Ende und ich war natürlich traurig. Mir kamen sogar nach dem Spiel die Tränen, was aber vor allem mit den Gedanken an meinen Opa zusammenhing, der einige Monate zuvor verstorben war. Mein Opa hat mir den Verein quasi in die Wiege gelegt, er war noch zu Zeiten des Grünwalder Stadions Dauerkarteninhaber beim FC Bayern. Seine letzten Worte – und das ist weder erfunden noch gelogen – 3 Tage vor seinem Tod an mich waren „Du bist doch mein bester Freund“. Ich hätte meinem Opa damals zu gerne den Pokal nach Hause mitgebracht. Aber Inter Mailand war damals einfach die bessere und clevere Mannschaft. Und da unser Finaleinzug vollkommen überraschend war, war auch nicht diese total große Enttäuschung da. Natürlich kam damals der Gedanke „Wann werden wir eine solche Chance wohl wieder haben?“. Und ich hatte Blut geleckt. Was zuvor für mich undenkbar schien, war plötzlich in greifbare Nähe gerückt. Ein knappes Jahr später schlug uns Inter erneut, nur diesmal war der Sieg deutlich weniger verdient. Unsere Mannschaft zeigte ein offensiv unglaubliches Spiel, aber hinten fehlte einfach die Sicherheit. Was hatte ich an diesem Tag vergessen? Genau, ich hab nicht „I gotta feeling“ gehört. Und ich begann zum ersten mal zu begreifen, wie sehr ich Blut geleckt habe in diesem Wettbewerb. Scheiß auf deutsche Meisterschaften, Scheiß auf Dortmund. Ich hab so viele Meistertitel des FC Bayern miterlebt, da ist es selbstverständlich, dass der Stellenwert eines solchen Titels sinkt. Auf der anderen Seite wurde die Bedeutung der Champions League für mich immer größer. Eine Herausforderung, ein Weg, auf dem man Rückschläge meistern muss. Viele Fans anderer Vereine träumen vom Erfolg. Vielleicht klingt es pervers, aber gerade diese unglaubliche Intensität dieses Wettbewerbs, diese unglaublichen Rückschläge, die man meistern muss, machen mich so hungrig auf diesen Pokal.

Über die Jahre hat sich auch eine kleine Randgeschichte entwickelt. Vielleicht hat sich ja der ein oder andere von euch schonmal gefragt, was „Napto“ überhaupt bedeutet beziehungsweise wo das her kommt. Ich hab das immer abgetan mit „Wenn wir die Champions League gewinnen, verrate ich es“. Das begann zu Zeiten, wo es noch vollkommen unrealistisch schien. Nun war ich bereits zweimal nur wenige Stunden davon entfernt. Einmal sogar nur Minuten. Ihr wisst natürlich wovon ich rede. 19. Mai 2012, auch „Finale dahoam“ genannt. Es war unglaublich. 8 Tage lang Choreografievorbereitung, ein unglaublicher Tag in der Münchner Innenstadt. Zwei meiner besten Freunde heirateten zwei Wochen nach diesem bitteren Abend. In unserer vollkommenen Euphorie hatten wir ihr Geschenk bereits vor dem Finale gekauft: Ein Replikat des Champions League Pokals in Originalgröße. Keiner von uns hat daran gezweifelt: Dies würde unser Tag werden. Alles, wirklich alles hat gepasst: Perfekte Choreo, perfektes Wetter, perfekter Tag, perfekte Stimmung. Ja, und ich hatte sogar „I gotta feeling“ gehört. Morgens um 6:15 Uhr auf dem Weg zum Bahnhof (Wir mussten schon um 7:30 Uhr in der Arena beim Choreoaufbau anfangen). Dann kam Müller und ich begann nachzudenken: War es das nun? Bin ich jetzt am Ziel meiner Träume? Ich hab die 2-3 Minuten dazwischen gar nicht so wirklich wahrgenommen. Ich war nicht erst nach dem Gegentor paralysiert, ich war es bereits nach dem Führungstreffer. Der restliche Verlauf des Abends ist Geschichte und wird in den Anekdoten der bayrischen Großväter eines Tages wohl nicht ganz so viel Platz einnehmen. Vollkommene Leere nach dem Spiel. Ich war sogar so leer, dass ich irgendwelchen Eventtrottelbayernfans, die auf der Heimfahrt mit der S-Bahn scherzten, vollkommen reaktionslos zuhören konnte. Eigentlich hätten diese Leute es verdient gehabt, so richtig aufs Maul zu kriegen. Keine Sorge, wer mich kennt, ich hab mich seit frühester Kindheit nicht mehr geprügelt, ich bin einer der bravsten Personen überhaupt. Aber man macht in so einer Nacht keine Scherze. Schon gar nicht, wenn man sich Bayernfan nennen will. Das wäre sogar für mich ein Grund gewesen, mal eine Watschn zu verteilen.

Ich bin mir nicht so ganz sicher, wie ich dieses Trauma verarbeitet hab. Endgültig wird sich das vielleicht erst herausstellen, wenn wir das Ding tatsächlich mal gewinnen. Ich habe nur am Mittwoch gemerkt, welche Anspannung ich in einem solchen Spiel hab. Nach dem 2:0 kam gar keine wirkliche Euphorie auf, sondern lediglich der Gedanke an: „Es ist noch ein weiter Weg“. Fakt ist: Der FC Bayern ist zurück unter den europäischen Spitzenclubs. Vielleicht sind wir mit bzw. nach Barcelona sogar DIE Mannschaft in Europa derzeit. Nun müssen wir das noch veredeln. Der Flug für London ist gebucht. Das Hotel für London ist gebucht. Ich habe nur Angst: Ein Sieg im Finale bedeutet Unsterblichkeit. Aber wenn wir verlieren… Nein, das werde ich nicht verkraften. Versprecht mir, mich in dem Fall aufzufangen. Denn sonst werde ich tief fallen. Sehr tief fallen. Ein Sieg dagegen und ich werde… Nein, bloß nicht schon wieder anfangen zu träumen…

„Solange Träume nur Träume sind, kann man es verschmerzen, dass sie nur Träume bleiben. Sobald man an Träumen schnuppert, weil sie wahr werden könnten, verzweifelt man daran, dass sie nur Träume bleiben.“

Das gilt für mehrere Dinge im Leben.

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